„Wie möchten wir morgen wohnen?“ – Dr. Michael Kopatz gibt Impulse für Wohnen in der zweiten Lebenshälfte

Im Zentrum des Vortrags von Umwelt- und Sozialwissenschaftler Dr. Michael Kopatz stand die Situation, dass viele ältere Menschen in Häusern wohnen, die ihnen zu groß und in der Unterhaltung zu aufwendig geworden sind – während auf der anderen Seite junge Menschen bezahlbaren Wohnraum suchen. Rund 40 Interessierte, darunter Landtagskandidatin Wiltrud Kampling, waren Donnerstagabend der Einladung der Grünen des Tecklenburger Landes gefolgt, um der Frage nachzugehen, wie wir künftig wohnen wollen.

Ratsmitglied Georg-Friedrich Becker erklärte bei seiner Begrüßung, dass er selbst erstaunt war, dass sich bei der internen Überlegung der Grünen, welche Themen näher beleuchtet werden sollten, nicht Umwelt oder Klima, sondern Wohnen als dringendstes Thema herauskristallisierte. „Wir freuen uns, dass wir mit Dr. Michael Kopatz ein Mann aus der Praxis, für den Vortrag gewinnen konnten.“
Kopatz startet mit einer Erkenntnis, die er als Stadtbaurat eigentlich nicht laut sagen dürfe. Neubau ist in den meisten Fällen nicht nötig, wir haben genug Wohnraum. Die Einwohnerzahl in Deutschland wächst kaum, dennoch wird permanent neuer Wohnraum geschaffen. Das eigentliche Problem sei nicht die Menge, sondern die Verteilung und Nutzung des vorhandenen Raums.
Um günstigen Wohnraum anbieten zu können, wäre der einfachste Weg, wenn mehr Menschen Mitbewohner aufnehmen würden. Wichtig sei dabei die Haltung. Man kann sich über jede Tasse, die im falschen Regal landet, maßlos ärgern. Oder man ärgert sich kurz und denkt daran, dass unerwartete, nervige Situationen vorbeugend Wirken bei Demenz. Tatsächlich ist Einsamkeit ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko. Daher sollte man frühzeitig überlegen, wie man in der zweiten Lebenshälfte wohnen möchte.

Neben Ideen wie Einliegerwohnungen oder genossenschaftlichem Wohnen stellte Kopatz das Modell, als Baugruppe zu bauen, vor. Damit ist gemeint, dass sich eine Gruppe von Menschen zusammenschließt, die gemeinsam mit einem Projektentwickler ein Mehrparteienhaus baut. Dies habe mehrere Vorteile: Die Baukosten sind pro Partei bei Mehrfamilienwohnungen geringer, es ist kein Investor involviert, der 20 Prozent Marge machen möchte und anders als bei der Genossenschaft bekommt man im Fall, dass man nach 20 Jahren verkaufen möchte, den aktuellen Marktwert für die Wohnung – und nicht nur den Genossenschaftsanteil. Wichtig für das Gelingen sei es, sich als Baugruppe zu einigen, dass bei Entscheidungsprozessen, die Mehrheit bestimmt. Projekte, bei denen auf Einstimmigkeit gepocht werde, ziehen sich stark in die Länge.

Kopatz nannte auch konkrete Ansätze, wie Kommunen den Wohnungsmarkt gestalten können. So sollte die Kommune zunächst durch eine Baulückenanalyse systematisch erheben, wo im Stadtgebiet freie Bauplätze vorhanden sind. Auch Untermietmodelle im Sinne von „Wohnen für Hilfe“ – Unterstützung im Alltag gegen eine bezahlbare Bleibe – funktionierten gut, litten jedoch unter hoher Fluktuation. Zudem scheiterten Baugruppen-Projekte oft daran, dass passende Grundstücke fehlen; hier könnten Kommunen gezielt Grundstücke für Baugruppen reservieren.

„Viel davon ist eine Frage der Haltung“, fasste Kopatz zusammen. Wer bereit sei, in der zweiten Lebenshälfte das Eigenheim aufzugeben oder zu teilen, brauche dafür ein attraktives Angebot. Die Kommune sei gefordert: Sie müsse etwas für diese Menschen anbieten – nur so lasse sich bezahlbarer, umweltfreundlicher Wohnraum für alle schaffen und die Bedürfnisse von Älteren und jungen Familien miteinander verbinden.

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